Heinrich Heine




Unterm weißen Baume sitzend,
hörst du fern die Winde schrillen,
siehst, wie oben stumme Wolken
sich in Nebeldecken hüllen;

Siehst, wie unten ausgestorben
Wald und Flur, wie kahl geschoren;
um dich Winter, in dir Winter,
und dein Herz ist eingefroren.

Plötzlich fallen auf dich nieder
weiße Flocken, und verdrossen
meinst du schon, mit Schneegestöber
hab der Baum dich übergossen.

Doch es ist kein Schneegestöber,
merkst es bald mit freudgem Schrecken;
duftge Frühlingsblüten sind es,
die dich necken und bedecken.

Welch ein schauersüßer Zauber!
Winter wandelt sich in Maie,
Schnee verwandelt sich in Blüten,
und dein Herz es liebt aufs neue.


n dem Walde sprießt und grünt es
fast jungfräulich lustbeklommen;
doch die Sonne lacht herunter:
junger Frühling, sei willkommen!

Nachtigall! auch dich schon hör ich,
wie du flötest seligtrübe,
schluchzend langgezogne Töne,
und dein Lied ist lauter Liebe!


Der Schmetterling ist in die Rose verliebt,
umflattert sie tausendmal,
ihn selber aber, goldig zart,
umflattert der liebende Sonnenstrahl.

Jedoch, in wen ist die Rose verliebt!
Das wüßt ich gar zu gern.
Ist es die singende Nachtigall?
Ist es der schweigende Abendstern?

Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt;
ich aber lieb euch all:
Rose, Schmetterling, Sonnenstrahl,
Abendstern und Nachtigall.

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