Johann Wolfgang von Goethe




Heut ist mir alles herrlich;
wenn´s nur so bliebe!
Ich sehe heute alles
durchs Augenglas der Liebe.


Füllest wieder Busch und Tal
still mit Nebelglanz,
lösest endlich auch einmal
meine Seele ganz;

Breitest über mein Gefild
lindernd deinen Blick,
wie des Freundes Auge mild
über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz
froh- und trüber Zeit,
wandle zwischen Freud' und Schmerz
in der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Fluss!
Nimmer werd' ich froh;
so verrauschte Scherz und Kuss
und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal,
was so köstlich ist!
Dass man doch zu seiner Qual
nimmer es vergisst!

Rausche, Fluss, das Tal entlang,
ohne Rast und Ruh,
rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu!

Wenn du in der Winternacht
wütend überschwillst
oder um die Frühlingspracht
junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt
ohne Hass verschließt,
einen Freund am Busen hält
und mit dem genießt,

Was, von Menschen nicht gewusst
oder nicht bedacht,
durch das Labyrinth der Brust
wandelt in der Nacht.


Wenn dir´s im Kopf und Herzen schwirrt,
was willst du bessres haben!
Wer nicht mehr liebt
und nicht mehr irrt,
der lasse sich begraben.


Ich ging im Walde,
so vor mich hin,
und nichts zu suchen,
das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
ein Blümlein stehn,
wie Sterne blinkend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
da sagt´es fein:
soll ich zum welken
Gebrochen sein?

Mit allen Wurzeln
Hob ich es aus,
und trugs zum, Garten
am hübschen Haus.

Ich pflanz es wieder
am kühlen Ort;
nun zweigt und blüht es
mit immer fort.


Da war´s um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
und ward nicht mehr gesehn.


Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
vom Meere strahlt;
ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
in Quellen malt.

Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
der Staub sich hebt;
in tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
der Wandrer bebt.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
die Welle steigt.
im stillen Haine geh' ich oft zu lauschen,
wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne,
du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
O, wärst du da!


Liebe schwärmt auf allen Wegen;
Treue wohnt für sich allein.
Liebe kommt euch rasch entgegen;
aufgesucht will Treue sein.


Freudevoll und leidvoll,
gedankevoll sein;
langen und bangen
in schwebender Pein;
himmelhoch jauchzend,
zum Tode betrübt glücklich allein
ist die Seele, die Liebt.

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